Ein Brief für Johann - zu seinem 4. Geburtstag
Johann ist diesen Monat vier geworden. Seit zwei Jahren wächst in mir der Gedanke, zu jedem seiner Geburtstage einen Brief zu schreiben, die ihm später mal als Kompass oder wertvollen Gedanken dienen (und für alle die es noch lesen).
Dieser Brief ist der erste den er lesen wird.
Für Johann - alles Gute zu Deinem Geburtstag
Der Tag, an dem Du geboren wurdest, hat für mich alles verändert.
Lange war ich auf der Suche nach Sinn und hatte mich in viele Themen verstrickt, ohne je das Gefühl gehabt zu haben, wirklich etwas Sinnhaftes zu tun. Dann, im Krankenhaus, an diesem Tag gegen halb acht, hat sich alles geändert.
Du bist auf die Welt gekommen, und ich wusste sofort, dass von jetzt an alles anders ist.
Dieses Gefühl, sein eigenes Kind auf dem Arm zu haben, kann man niemandem erklären, der nicht selbst schon einmal in dieser Situation war. Die ganze Welt bleibt stehen, alle Emotionen, die man sich vorstellen kann, schießen hoch, und für mich war es wie ein gleißender Blitz, der sich in meinem Kopf noch heute abspielt wie ein Film auf einem alten Diaprojektor.
Bild für Bild, zwischen Lichtblitzen.
Und dann raus aus dem Kreißsaal.
Schnitt. Szenenwechsel.
Dieser Moment hat mich so überwältigt, dass ich dir im Kreißsaal noch ein Versprechen gegeben habe: das beste Vorbild zu sein, das ich sein kann.
Vier Jahre später merke ich: Ich habe damals gar nicht richtig verstanden, was dieses Versprechen bedeutet. Ich dachte wahrscheinlich noch viel zu sehr daran, dass ein Vorbild jemand ist, der Dinge richtig macht. Der weiß, wo es langgeht. Der etwas vorlebt, das man nachmachen kann.
Heute glaube ich, es ist etwas anderes.
Vielleicht heißt Vorbild sein eher, ehrlich hinzuschauen. Zu merken, wo man selbst falsch abgebogen ist, welche Dinge man viel zu lange geglaubt hat und was man erst mit 30 verstanden hat, obwohl es einem mit 15 geholfen hätte.
Und genau deshalb will ich dir ab jetzt jedes Jahr zu deinem Geburtstag einen Brief schreiben. Nicht, damit du irgendwann mein Leben lebst. Auch nicht, damit du meine Überzeugungen übernimmst.
Sondern weil es vielleicht Dinge gibt, die ich auf meinem Weg gelernt habe und die dir irgendwann helfen können, deinen eigenen zu gehen.
Dieses Jahr sind es vier.
Dein Potenzial ist eine Möglichkeit, keine Verpflichtung
Menschen werden dir irgendwann sagen, was alles in dir steckt. Vielleicht tun sie es jetzt schon. Vielleicht sagen sie dir, dass du besonders klug bist, dass du etwas außergewöhnlich gut kannst oder dass du später einmal dieses oder jenes werden könntest.
Und ich merke heute, wie vorsichtig ich mit solchen Sätzen geworden bin. Nicht, weil ich nicht an dich glaube. Ganz im Gegenteil. Sondern weil aus einem „Du könntest“ sehr schnell ein „Du solltest“ wird.
Ich kenne das gut.
Mir wurde das früh bei vielen Dingen die ich angefangen habe gesagt. Bei deinem Talent kannst du es hier weit bringen. Wenn du dich nur anstrengst kannst du auch Vorstand werden. Du warst schon immer 'dies oder jenes'. Das kann schön klingen und auch schmeicheln. Kann allerdings auch viel Druck aufbauen und dich in eine Richtung drängen die nicht Du bist.
Dann ist da nicht mehr nur: Das könntest du.
Sondern: Das musst du jetzt auch irgendwie liefern.
Ich habe lange so gedacht. Wenn man Potenzial hat, muss man etwas daraus machen. Wenn man etwas gut kann, muss man es verfolgen. Wenn man eine Chance bekommt, muss man sie nutzen.
Heute glaube ich das nicht mehr.
Dein Potenzial ist kein Vertrag.
Du schuldest niemandem die größtmögliche Version deiner selbst. Du darfst etwas gut können und es trotzdem nicht zu deinem Beruf machen. Du darfst Möglichkeiten liegen lassen. Du darfst einen Weg verlassen, obwohl du darin erfolgreich bist.
Du darfst etwas Kleines wollen, obwohl andere dir etwas Großes zutrauen. Und du darfst etwas Großes wollen, obwohl andere es für verrückt halten.
Die Frage ist nicht nur: Was könnte aus dir werden?
Die wichtigere Frage ist: Wofür möchte ich meine Möglichkeiten einsetzen – und welche darf ich ungenutzt lassen?
Ein gutes Leben braucht Gestaltung
Ich glaube, eines der gefährlichsten Dinge im Leben ist, dass man in ein Leben hineinrutschen kann das man nicht will, ohne es wirklich zu merken. Nicht, weil jemand dich zwingt. Sondern weil vieles einfach logisch wirkt.
Schule. Ausbildung. Studium. Beruf. Karriere. Haus. Geld verdienen. Mehr Verantwortung.
Noch ein Schritt. Noch ein Ziel. Noch etwas, das man eben so macht.
Und plötzlich schaut man sich um und merkt: Eigentlich habe ich nie bewusst entschieden, dass ich genau so leben will.
Ich kenne dieses Gefühl. Ich bin sehr lange Wege gegangen, die sinnvoll aussahen. Und sie waren auch nicht komplett falsch. Aber irgendwann kam diese Frage:
Habe ich das eigentlich wirklich gewählt?
Oder habe ich einfach immer den nächsten vernünftigen Schritt gemacht?
Ich wünsche dir deshalb nicht, dass du anders lebst als alle anderen. Das wäre genauso dumm. Wenn dein Weg irgendwann sehr klassisch aussieht und du ihn liebst, wunderbar. Wenn dein Weg komplett anders aussieht und kaum jemand versteht, warum du ihn gehst, auch wunderbar.
Mir geht es um etwas anderes. Ich wünsche dir, dass du immer wieder innehältst und dich fragst:
Ist das noch mein Leben?
Nicht: Ist es vernünftig? Nicht: Finden es andere gut? Nicht: Sieht es erfolgreich aus?
Sondern: Ist es meins?
Freiheit heißt für mich heute nicht, möglichst anders zu leben. Freiheit heißt, zu wissen, warum man so lebt, wie man lebt.
Manchmal musst du nicht dich verändern. Manchmal brauchst du einen anderen Ort.
Das ist etwas, das ich gerade durch dich immer mehr lerne.
Wir Menschen suchen den Fehler wahnsinnig schnell bei uns selbst. Wenn etwas nicht funktioniert, denken wir: Ich muss mich mehr anstrengen. Ich muss belastbarer werden. Ich muss mich besser anpassen. Ich muss lernen, damit klarzukommen.
Und natürlich stimmt das manchmal. Manchmal muss man an sich arbeiten. Manchmal muss man etwas aushalten. Manchmal muss man lernen, was einem schwerfällt.
Aber manchmal stimmt auch etwas anderes:
Vielleicht passt einfach der Ort nicht.
Vielleicht funktioniert etwas nicht, weil zwei Dinge nicht zusammenpassen. Nicht, weil eines davon kaputt ist.
Eine Pflanze, die im Schatten nicht wächst, ist nicht automatisch eine schlechte Pflanze. Vielleicht braucht sie einfach mehr Licht.
Ich wünsche dir, dass du beides lernst: dich selbst zu hinterfragen, aber auch deine Umgebung. An dir zu arbeiten, aber nicht automatisch zu glauben, dass immer du dich ändern musst.
Manche Menschen holen etwas aus dir heraus, das vorher kaum sichtbar war. Bei manchen Orten merkst du plötzlich: Hier kann ich atmen. Und andere Orte machen dich kleiner, obwohl du die ganze Zeit versuchst, größer zu werden.
Deshalb frag dich nicht nur: Wer möchte ich werden?
Sondern auch: Wo kann ich dieser Mensch überhaupt sein?
Das gute Leben beginnt nicht nach der nächsten Ziellinie
Diesen Fehler mache ich selbst immer wieder.
Wenn erst einmal …
Wenn das Haus fertig ist. Wenn dieses Projekt vorbei ist. Wenn genug Geld da ist. Wenn der Stress weniger wird. Wenn die Kinder größer sind. Wenn wieder mehr Zeit ist.
Dann.
Dann wird es ruhiger. Dann machen wir die Dinge, die uns eigentlich wichtig sind. Dann fängt das Leben an.
Und ich merke gerade durch euch Kinder, wie absurd das eigentlich ist.
Du bist jetzt vier. Die letzten vier Jahr sind verflogen und es dauert nicht mehr lange bist, du dein eigenes Leben verfolgst und unsere gemeinsame Zeit weniger wird. Auch wenn du jetzt noch jeden Tag zu mir sagst, dass ich doch bitte überall und für immer mit dir mitkommen soll, bin ich mir sicher das sich das bald ändert.
Diese Version von dir gibt es nur jetzt. Und irgendwann werde ich mich wahrscheinlich danach sehnen, noch einmal genau so einen ganz normalen Tag mit dir zu verbringen.
Keinen besonderen. Keinen Urlaub. Keinen Geburtstag.
Einen normalen Dienstag.
Frühstück. Irgendwohin fahren. Ein Buch anschauen. Streiten. Lachen. Du willst irgendetwas zum fünfzigsten Mal wissen. Abends liegen wir alle zusammen im Bett.
Und irgendwann ist genau das vorbei.
Ich will dir damit nicht sagen, dass du keine Ziele haben sollst. Ich hoffe, du setzt dir ambitionierte Ziele. Ich hoffe, du gehst deiner Neugier nach und kreierst neue Dinge. Ich hoffe, du hast Ideen, die dich vor Begeisterung nicht schlafen lassen. Ich hoffe, du freust dich auf das, was noch vor dir liegt.
Aber ich hoffe auch, dass du dein Leben nicht ständig in die Zukunft verschiebst. Dass du dir nicht immer wieder sagst: Wenn ich erst dort angekommen bin, dann kann ich anfangen zu leben.
Das Leben fängt nicht nicht erst an wenn du das 'wenn' erreichst hast.
Die Tage auf dem Weg zu deinen Zielen sind dein Leben.
Johann, vielleicht wirst du diesen Brief irgendwann lesen und bei manchen Dingen denken: Papa, was für ein Quatsch.
Das hoffe ich fast.
Ich werde dir wahrscheinlich jedes Jahr Dinge schreiben, an die ich gerade glaube. Manche davon werde ich später selbst wieder anders sehen.
Du musst meine Überzeugungen nicht übernehmen. Du musst mein Leben nicht weiterleben. Du musst nicht der Mensch werden, den ich mir heute vielleicht für dich vorstellen könnte.
Ich will dir keinen fertigen Kompass geben. Ich will dir eher zeigen, wo ich selbst Sterne gesehen habe. Welche davon für dich wichtig sind, wirst du selbst herausfinden müssen.
Und vielleicht ist genau das mein eigentliches Versprechen aus dem Kreißsaal.
Nicht, dass ich dir zeige, wie man richtig lebt.
Sondern dass ich versuche, dir genug Raum zu lassen, damit du selbst herausfinden kannst, wie du leben willst.
Und egal, was dabei herauskommt: Du musst mir nichts beweisen. Du musst nichts leisten, damit ich stolz auf dich bin. Du musst nicht so denken wie ich. Du musst nicht den Weg gehen, den ich gegangen wäre.
Unsere Verbindung hängt an nichts davon.
Sie war schon da, bevor du irgendetwas konntest.
In diesem Krankenhaus, gegen halb acht.
In diesem einen Moment, der sich mir bis heute wie Lichtblitze eingebrannt hat.
Und sie bleibt.
Ich liebe dich.
Dein Papa
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